Wo Auszubildende schon heute Zukunft bauen
Ein Besuch bei Weidmüller in Detmold zeigt, wie moderne Ausbildung aussehen kann.
Auszubildende und dual Studierende arbeiten dort früh an echten Projekten mit – und lernen, Verantwortung zu übernehmen, Lösungen zu entwickeln und unternehmerisch zu denken.
Sinan Sütlübudak deutet mit der Hand nach oben, um das Problem zu unterstreichen – oder vielmehr die Chance. „Man stelle sich vor, ich brauche etwas weit über uns aus einem Hochregal in 30 Metern Höhe. Wenn ein Gabelstapler auf Schienen von da oben Ware im Gewicht von einer Tonne rausholt, dann muss er beim Runterfahren enorm bremsen – und die dafür aufgebrachte Energie ist bislang einfach so verpufft.
Nun kann sie aufgefangen werden, was zu Energie-Einsparungen um rund ein Drittel geführt hat, erklärt Sütlübudak. Der 21-Jährige steht in einem hellen Konferenzraum der Weidmüller Akademie im nordrhein-westfälischen Detmold, er macht hier seine Ausbildung im Rahmen seines dualen Studiums Wirtschaftsingenieur Maschinenbau.
Der Gabelstapler, von dem Sütlübudak spricht, steht etwa 150 Kilometer entfernt in Thüringen.
Dort betreibt Weidmüller seit 2023 in Hörselberg-Hainich bei Eisenach ein Logistikzentrum mit einem 65 Meter hohen automatisierten Hochregallager. Es ist der Einsatzort eines automatisierten Fahrzeugsystems, ähnlich wie Gabelstapler auf Schienen.
Wenn Auszubildende an echten Energielösungen arbeiten
Sinan Sütlübudak sitzt neben Levin Janzen, Dualer Student Wirtschaftsingenieur Elektrotechnik, und Olaf Grünberg, Seniortechnologieentwickler bei Weidmüller. Gemeinsam mit anderen haben die drei das Logistikzentrum in Thüringen vor Kurzem wirtschaftlich und technisch für einen Vergleich von aktueller zu neuer Gleichstromtechnik untersucht.
Technisch wäre die Lösung, dass die Energie der robotisierten Trage-Fahrzeuge aufgefangen und somit eingespart werden kann. „Wir haben einen Business Case gemacht: Bereits nach 1,6 Jahren sind die Kosten wieder eingespielt – von da an macht man Gewinn mit der Umstellung“, sagt Levin Janzen.
Olaf Grünberg lächelt die beiden an, steht auf und beginnt, mithilfe einer Präsentation zu erklären, woran sie im Logistikzentrum gearbeitet haben. Stark vereinfacht zusammengefasst: Der Strom aus dem öffentlichen Netz liegt meist als Wechselstrom vor, also als AC. In vielen industriellen Anlagen ist Gleichstrom, DC, jedoch praktischer. Grünberg und sein Team planten deshalb am Einspeisepunkt des Logistikzentrums eine Technik, die den ankommenden Wechselstrom in Gleichstrom umwandelt.
Gleichzeitig wurden die Anlagen so angepasst, dass sie Energie nicht einfach verlieren, sondern ins System zurückgeben können. „Man kann sich das ähnlich vorstellen wie bei einem Elektroauto. Auch dort wird beim Bremsen Energie zurückgewonnen“, so Grünberg. Im Logistikzentrum lässt sich diese Energie dann an anderer Stelle direkt weiter nutzen, so entstehen Energie-Einsparungen von mehr als einem Drittel.
Für Grünberg ist das ein Modell mit Zukunft: Angesichts steigender Energiekosten, glaubt er, dürften viele Fabriken in den kommenden Jahren prüfen, ob sich der Umstieg auf solche Gleichstromlösungen für sie lohnt. Das Projekt der Auszubildenden ist ein praktisches Beispiel dafür, dass sich solche Gleichstromlösungen im industriellen Alltag rechnen können. Dass sich der Aufbau oder eine Umrüstung (retrofit) eines Logistikzentrums wie zum Beispiel in Thüringen lohnt, wurde zu großen Teilen durch Auszubildende berechnet und technisch bestätigt. Dies zeigt, worum es im Kern geht: Berufliche Bildung in Unternehmen kann ein echter Innovationstreiber sein.
Die Akademie ist Werkstatt, Lernort und Experimentierraum zugleich
Die Weidmüller Akademie, ein modernes, zweistöckiges Gebäude in Detmold, liegt unweit der Produktionsanlagen von Weidmüller und wurde 2021 eröffnet. Im Inneren wirkt sie eher wie eine kleine Fabrik zum Lernen: In einer kleinen Werkstatthalle stehen Werkbänke mit einem Maschinenpark, dazu gibt es Räume für Training.
„Bei unserer Ausbildung denken wir weniger in Kursen, eher in Projekten“, erläutert Vivien Siegbert, die Leiterin der Ausbildung bei Weidmüller. So absolvieren beispielsweise die Dual-Studierenden bereits nach einem dreiviertel Jahr eine Zwischenprüfung. Siegbert deutet auf mehrere Vitrinen. „Da sind einige der Arbeiten drinnen. Meistens hat es doch mit Autos zu tun“, sagt Siegbert und grinst.
Mehr als 250 Auszubildende bildet das Familienunternehmen Weidmüller mit seinen weltweit mehr als 5500 Beschäftigten derzeit aus. Alle Auszubildenden verbringen eine große Zeit ihrer Ausbildung im Akademie-Gebäude. Das ist übrigens seit Kurzem – wie das Logistikzentrum in Thüringen – auch mit DC-Technologie ausgestattet, umgesetzt ebenfalls von Auszubildenden.
Frühe Verantwortung gehört hier ausdrücklich zum Konzept
„Es ist nicht so, dass es bei uns nur ‚Learning on the Job‘ gibt. Wir betreiben einen gewissen Aufwand – das zeigt ja auch das Akademie-Gebäude mit vielen Ausbilderinnen und Ausbildern –, um unseren Auszubildenden eine Menge beizubringen, und das zeitgemäß. Da spielt die Nutzung künstlicher Intelligenz und digitaler Lernformen eine große Rolle, im Stundenplan steht etwa auch der Umgang mit Chatbots und wie man sie nutzen kann, um Präsentationen besser zu erstellen“, erzählt Siegbert weiter. Sie betont aber auch: „Zugleich wollen wir unseren Auszubildenden früh eine gewisse Verantwortung übertragen. Wir vermitteln frühzeitig: Wenn Du eine Idee hast, dann raus damit. Seid mutig, probiert etwas aus – das gehört dazu, und Fehler dürfen auch gemacht werden.“
„Es ist nicht so, dass es bei uns nur ‚Learning on the Job‘ gibt. Wir betreiben einen gewissen Aufwand."
Vivien Siegbert, Leiterin Ausbildung bei Weidmüller
Diese Botschaften scheinen bei den Auszubildenden anzukommen: In Eigenverantwortung haben sie bereits einiges auf die Beine gestellt. So werden Lerninhalte auch digital in Projekten von Auszubildenden erstellt, wie beispielsweise bei einem digitalen Praktikantenprojekt. Praktikant:innen aus der Schule können anhand von digitalen Zeichnungen und Lernvideos per Tablet ihre eigene Lokomotive bauen. Fachinformatiker-Auszubildende entwickelten eine Eingabemaske für Praktikumsverträge, sodass diese automatisiert abgewickelt werden können. Eine Gruppe von technischen Produktdesigner:innen baute einen Roboterarm, der sich per Spielkonsolen-Controller steuern lässt und inzwischen mit auf Messen reist. Und auch die Weidmüller-Welt in der Detmolder Fußgängerzone wird von fünf Auszubildenden eigenständig betreut.
Von der Idee zur Mini-Produktionsanlage
Im ersten Stock der Weidmüller-Akademie steht Peer Bornefeld, Auszubildender zum Mechatroniker, an einer Anlage, die etwa so groß ist wie ein Kühlschrank und wie eine Fabrik in Miniatur aussieht, und drückt einen Knopf. Ein Greifarm nimmt ein etwa drei Zentimeter kurzes Plastik-Stück, legt es unter eine Art Stanze.
Heraus kommt ein Plastikteil, das aussieht wie der untere Teil der Karosserie eines Rennwagens, einschließlich der Reifen. Über ein Mini-Fließband gelangt das Plastikstück zu einer weiteren Station, hier wird ein orangenes Stück darauf gepresst – der zweite Teil der Karosserie –, das nun fertige Auto wird über ein weiteres Fließband zu einer Ausgabeschale gebracht. Das kleine Auto soll ein Weidmüller-Schlüsselanhänger werden.
„Das sieht jetzt so einfach aus, aber dass es so ineinandergreift und am Ende das fertige Auto herauskommt, war doch eine Menge Arbeit. Es erfordert präzises Timing und das Ausschalten aller Fehlerquellen. Da haben viele Auszubildende zusammengearbeitet, Produktdesignerinnen und -designer, Fachinformatikerinnen und -informatiker und natürlich auch wir Mechatroniker und Mechatronikerinnen. Auch dual Studierende waren mit dabei“, berichtet Bornefeld stolz.
Die Idee für die Miniproduktionsanlage hatte ein Kollege aus dem Unternehmen, umgesetzt wurde es ebenfalls von Auszubildenden. „Das sieht jetzt so einfach aus, aber dass es so ineinandergreift und am Ende das fertige Auto herauskommt, war doch eine Menge Arbeit. Es erfordert präzises Timing und das Ausschalten aller Fehlerquellen. Da haben viele Auszubildende zusammengearbeitet, Produktdesignerinnen und -designer, Fachinformatikerinnen und -informatiker und natürlich auch wir Mechatroniker und Mechatronikerinnen. Auch dual Studierende waren mit dabei“, berichtet Bornefeld stolz.
Innovation entsteht dort, wo verschiedene Berufe zusammenarbeiten
„Die Projekte zeigen den Auszubildenden schon: Silo-Denken funktioniert nicht bei Weidmüller. Wir haben komplexe Herausforderungen, für die wir Lösungen entwickeln – und dazu braucht es fast immer ein interdisziplinäres Team“, unterstreicht Siegbert.
Mit genau diesem interdisziplinären Ansatz lernen die jungen Menschen unternehmerisches Denken und Handeln. „Entrepreneurship spielt in der Ausbildung bei uns eine tragende Rolle. Die Auszubildenden können in Modellprojekten Junior-Unternehmen virtuell gründen – und da spielt die Realisierbarkeit immer eine tragende Rolle“, sagt Siegbert.
Und was hat das Unternehmen von den Auszubildenden, die hier eine Spielwiese haben, um sich auszuprobieren? „Mit unserer hohen Übernahmequote von Auszubildenden und auch dual Studierenden wirken wir dem Fachkräftemangel aktiv entgegen“, erklärt Siegbert. Aber da sei noch viel mehr, betont sie: „Die Auszubildenden bei uns durchlaufen einige Stationen, sie kennen sich im Unternehmen super aus. Wenn ich einen Kontakt aus einer Abteilung brauche, frage ich manchmal einen meiner Auszubildenden im dritten Jahr, der stellt unkompliziert einen her.“
Von den Projekten profitieren alle: Auszubildende und das Unternehmen
Und weil die Ausbildung so projektorientiert ist, setzen Auszubildende schon in der Ausbildung Dinge um, von denen das Unternehmen teilweise enorm profitiert. So mussten etwa bestimmte Produktionsdaten von Maschinen händisch gepflegt werden, was insgesamt eine Woche Arbeitszeit gefressen hatte. Dann kam ein Informatik-Auszubildender und hat ein Tool programmiert – die Arbeitszeit hat sich von einer Woche auf zwei Tage verkürzt.
Siegbert berichtet, sie werde oft angerufen aus diversen Abteilungen, weil für ein Projekt eine Auszubildende oder ein Auszubildender gebraucht werde, ob sie jemanden empfehlen könnte.
Vivien Siegbert lächelt, als sie zum Ende erzählt: „Da unsere Auszubildenden und dual Studierenden häufig bereits sehr in Projekten und Fachbereichen eingespannt sind, kann ich am Telefon manchmal nur freundlich absagen. Und nachdem ich aufgelegt habe, denke ich, auch wenn ich in diesem Fall nicht weiterhelfen konnte: Wir machen hier vieles richtig.“
Die Reportage ist mit dem Wissenschaftsjournalist Dr. Christian Heinrich entstanden.
Hinweis
Die Joachim Herz Stiftung hält rund 20 Prozent der Anteile an dem Familienunternehmen Weidmüller. Die Weidmüller Akademie ist ein gutes Beispiel dafür, wie Auszubildende Innovationen in ein Unternehmen einbringen können – deswegen haben wir es für diese Reportage ausgewählt. Die Joachim Herz Stiftung hat keinen Einfluss auf die Berufliche Bildung bei Weidmüller, und das Unternehmen erhält keine Fördermittel von der Stiftung.