Europas Innovationskraft
Zwischen Freiheit und Sicherheit
Freiheit gilt gemeinhin als zentrale Voraussetzung für Innovation. Wo Menschen frei denken und handeln können, so die verbreitete Annahme, entstehen die besten Ideen.
Auch der Deutsche Stiftungstag 2026 knüpft an diese Überzeugung an. Unter dem Motto „Aus Freiheit handeln“ fragt er, wie Stiftungen Freiräume für Tatkraft und Innovation eröffnen können – ein Anliegen, das auch im Zentrum der Arbeit der Joachim Herz Stiftung steht. Freiheit wird dabei nicht nur als Abwesenheit von Zwang verstanden, sondern als aktive Ermöglichung: als Einladung, Neues zu beginnen und Ideen zu erproben.
Dazu hat Dr. Nora Kürzdörfer (Senior Researcher bei der Münchner Sicherheitskonferenz) einen Gastbeitrag für uns geschrieben.
Empirisch zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Freiheit kann Innovation begünstigen, ist aber weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung. China etwa hat trotz begrenzter Freiheitsrechte in internationalen Innovationsrankings in den vergangenen Jahren kontinuierlich aufgeholt. Nach Angaben der Europäischen Kommission baute das Land seine Innovationsperformance zwischen 2018 und 2025 stärker aus als die USA und die EU und belegte 2025 den dritten Platz im globalen Innovationsranking, während die USA Platz vier erhielt und die EU nur auf Platz sechs kam. Auch im Innovationsindex der Weltorganisation für geistiges Eigentum kletterte China 2025 erstmals in die Top Ten; Deutschland rutschte als größte Volkswirtschaft der EU auf Platz elf ab.
Innovation kann demnach in sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Kontexten entstehen. In China speist sie sich weniger aus individueller Autonomie als aus politisch gesetzten Prioritäten und massiven Staatsinvestitionen – zwei Faktoren, die zuletzt auch in der EU an Wichtigkeit gewonnen haben.
Europas Innovationsmodell unter Druck
Zugleich ist das chinesische Modell für Europa nur begrenzt anschlussfähig. So spielt Freiheit hier traditionell eine größere Rolle, auch für Innovationsprozesse. Die besondere Stärke der EU und ihrer Mitgliedstaaten liegt in einer lebendigen Zivilgesellschaft, in offenen Aushandlungsprozessen und darin, Menschen mit der materiellen und ideellen Fähigkeit auszustatten, die Innovation überhaupt erst ermöglicht – also dem, was der Deutsche Stiftungstag als „Freiheit des Anfangen-Könnens“ bezeichnet. Diesen förderlichen Faktoren zum Trotz bleibt Europas Innovationsfähigkeit aber in zentralen Schlüsseltechnologien begrenzt. In zahlreichen Technologien, insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz, ist die EU heute auf Produkte und Dienstleistungen aus China und den USA angewiesen – eine Abhängigkeit, die zunehmend problematisch wird. Peking gilt in Brüssel längst nicht mehr als verlässlicher Partner und nutzt seine Marktmacht insbesondere bei kritischen Technologien und Rohstoffen gezielt als geopolitisches Druckmittel. Und auch die transatlantischen Beziehungen stehen unter Druck, seitdem Washington verstärkt auf Strafzölle setzt und die EU in einen für europäische Länder unvorteilhaften „Trade-Deal“ gedrängt hat. Vor diesem Hintergrund kann sich Europa im globalen Innovationswettbewerb derzeit weder auf dauerhaft offene Märkte noch auf stabile und verlässliche Regeln verlassen.
Wer wagt, gewinnt – muss aber auch verlieren dürfen
Will Europa unabhängiger und handlungsfähiger werden, muss es seine Innovationspolitik also neu ausbalancieren. Bleibt Freiheit zwar ein wichtiger Aspekt, so rückt nun auch Sicherheit deutlich stärker in den Fokus. Das ist neben den geopolitischen Zwängen auch deshalb folgerichtig, weil Innovation stets ein Akt des Risikos ist: Routinen werden aufgebrochen, Ressourcen gebunden und mögliche Verluste bewusst in Kauf genommen. Erst wenn Freiheit auf verlässliche Formen der Absicherung trifft, wird dieses Wagnis für eine breite Zahl von Akteuren überhaupt erst tragfähig. „Anfangen zu können“ bedeutet daher nicht nur, frei zu sein, sondern auch darauf vertrauen zu können, im Falle des Scheiterns nicht alles zu verlieren. Diese Sicherheit kann auf unterschiedliche Weise hergestellt werden. Im Folgenden wird sie entlang jener drei Dimensionen betrachtet, die auch die EU-Strategie zur wirtschaftlichen Sicherheit strukturieren: „Promote, Protect, Partner“ – also Förderung, Schutz und Partnerschaften.
Förderung des Binnenmarktes
Förderung bedeutet, Innovation nicht nur zu ermöglichen, sondern sie auch in die Breite des Marktes zu tragen. Mit dem europäischen Binnenmarkt verfügt die EU über ideale Voraussetzungen für Wachstum und Diffusion neuer Technologien. Dieses Potenzial wird bislang jedoch nur unzureichend ausgeschöpft. Anhaltende Marktfragmentierung, unterschiedliche nationale Regulierungen und eine unvollendete Kapitalmarktunion erschweren es, Innovationen rasch in die notwendige Größenordnung zu überführen und ausreichend privates Wachstumskapital zu akquirieren, die im Wettbewerb mit China und den USA nötig sind. Um diesen Problemen entgegenzuwirken, brachte die EU deshalb im März 2026 die „One Europe, One Market“-Roadmap auf den Weg. Diese beinhaltet Maßnahmen zur Vertiefung des Binnenmarktes, zum Abbau bürokratischer und regulatorischer Hürden, zur Diversifizierung wirtschaftlicher Beziehungen, zur Sicherstellung bezahlbarer und grünerer Energie, zur Förderung industrieller Erneuerung sowie zur Mobilisierung von Investitionen.
Schutz vor Risiken
Schutz individueller Freiheitsrechte und vor wirtschaftlicher Abhängigkeit ist ebenso wichtig wie die Harmonisierung und Vereinfachung von Regularien. Gerade im Technologiesektor halten außereuropäische Konzerne Quasi‑Monopole. Diese sind nicht nur wettbewerbstechnisch problematisch, sondern bergen auch erhebliche Risiken für Individuen, etwa durch Machtkonzentration über Daten und fehlende Kontrolle über digitale Infrastrukturen. Entsprechend bleiben digitale Regelwerke ebenso essenziell wie Vorschriften zum Schutz vor Ausbeutung entlang globaler Wertschöpfungsketten. Solche Gesetze sind dabei kein Gegensatz zu Innovationsfähigkeit, sondern eine ihrer Voraussetzungen: Sie sichern faire Wettbewerbsbedingungen, verhindern Marktabschottung und eröffnen insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen Handlungsspielräume. Die Kunst besteht somit darin, innovationshemmende Bürokratie abzubauen und zugleich jene Regeln zu erhalten, die Menschen und Unternehmen vor Risiken schützen. In einer Phase außergewöhnlicher wirtschaftspolitischer Unsicherheit, die selbst jene der Finanzkrise 2008 und der frühen Corona‑Pandemie 2020 übertrifft, kann EU‑Regulierung Vertrauen und Verlässlichkeit schaffen und so zu einem entscheidenden Faktor nachhaltiger Innovations‑ und Wettbewerbsfähigkeit werden.
Partnerschaften mit gemeinsamem Mehrwert
Partnerschaften schließlich erweitern den Raum, in dem Innovation entstehen kann. Sie verbinden unterschiedliche Perspektiven, Ressourcen und Kompetenzen und erhöhen damit sowohl die Qualität als auch die Resilienz innovativer Lösungen. Für die Europäische Union sind Kooperationen mit Ländern des Globalen Südens – etwa im Rahmen neuer Handelsabkommen sowie Technologie‑ oder Rohstoffpartnerschaften – ein zentraler Hebel, um Innovationsfähigkeit unter Bedingungen wachsender geopolitischer Unsicherheit zu stärken. Diese Partnerschaften sollten jedoch nicht allein europäischen Interessen dienen, etwa durch die Sicherung des Zugangs zu kritischen Ressourcen, sondern zugleich den Partnerländern technologischen Fortschritt und industriellen Aufbau ermöglichen. Entscheidend ist daher, Partnerschaften dazu zu nutzen, Interessen auszutarieren und gemeinsame Entwicklungsperspektiven zu eröffnen.
Innovation in Europa braucht Freiheit und Sicherheit
Europas Innovationsmodell steht heute vor einer doppelten Aufgabe: Es muss seine traditionelle Stärke – die Freiheit – bewahren, aber sie zugleich systematisch durch Sicherheit ergänzen. Ohne Freiheit fehlt der Mut, bestehende Pfade zu verlassen und Neues zu denken; ohne Sicherheit fehlt die Grundlage, dieses Neue auch tatsächlich zu wagen. Erst im Zusammenspiel beider entsteht jene Innovationskraft, die Europa braucht, um offen, resilient und handlungsfähig zu bleiben – und um Freiheit nicht nur zu verteidigen, sondern durch Innovation immer wieder neu zu ermöglichen.
Die Autorin
Dr. Nora Kürzdörfer ist Senior Researcher bei der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) und leitet das von der Stiftung Mercator geförderte MSC-Geoökonomie-Projekt „Beyond Lose-Lose“.
In ihrer Forschung konzentriert sie sich auf die Schnittstelle zwischen Wirtschafts- und Sicherheitspolitik sowie auf die Zusammenarbeit zwischen Ländern in Europa und dem Globalen Süden.