Transfer beginnt im Labor
Wie das matena innovate! center Technologietransfer neu denkt
Wie gelingt der Weg von der Forschung in die Anwendung – schneller, strukturierter und mit realen Marktchancen? Das matena innovate! center in Bremen verfolgt genau dieses Ziel: Ideen sollen nicht im Labor bleiben, sondern den Sprung in die Praxis schaffen.
Im Interview erklären Kurosch Rezwan, wissenschaftlicher Geschäftsführer, und Jan Wedemeier, kaufmännischer Geschäftsführer, wie sie den Transfer im matena organisieren und was ihre Arbeit von klassischen Forschungsförderprogrammen unterscheidet.
Seit gut einem Jahr gibt es das matena innovate! center. Welche Erfahrungen haben Sie in dieser ersten Phase gemacht?
Kurosch Rezwan: Für viele Menschen hier auf dem Campus ist das Konzept, den Transfer von Anfang an mitzudenken, neu. Entsprechend groß war und ist die Neugier. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen nicht nur Grundlagenforschung betreiben, sondern überlegen ganz konkret: Wie kann aus einer Idee im Labor eine Innovation für die Gesellschaft werden? Genau diesen „Fast Track“ – vom Labor zur Anwendung – ermöglichen wir durch das Transferzentrum.
Jan Wedemeier: Transferstrukturen wirklich von Grund auf zu entwickeln ist eine seltene Chance, die Herr Rezwan und ich hier bekommen haben. Es gibt keine historisch gewachsenen Prozesse, wir können diese bewusst neu aufsetzen. Die Entscheidungswege sind schlank, weil wir sie innerhalb der gGmbH eigenständig gestalten können – im Zusammenspiel mit Lenkungskreis, Beirat und unseren Gesellschafterinnen. Zudem setzten wir explizit auf das Mindset einer Entrepreneurship-Kultur.
Wie sieht das konkret aus?
Jan Wedemeier: Zunächst einmal mussten wir Prozesse komplett neu konzipieren – von der Personaleinstellung über rechtliche Fragen bis hin zu den Pitches und der Projektauswahl. In gewisser Weise hat das einen Start-up-Charakter. Gleichzeitig sind wir eine lernende Organisation: Wir prüfen kontinuierlich, wo wir Strukturen verbessern können. Der Vorteil ist, dass wir dank kurzer Entscheidungswege unmittelbar reagieren können als viele etablierte Förderprogramme.
Kurosch Rezwan: Wir ermutigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Ideen nicht nur zu publizieren, sondern auch wirklich umzusetzen. Dafür schaffen wir die Verbindung zwischen Universität, Kapitalgeber:innen und Unternehmen. Gleichzeitig sensibilisieren wir Forschende für unternehmerisches Denken. Diese Kombination aus wissenschaftlicher Exzellenz und Entrepreneurship bei Forschenden ist entscheidend für erfolgreichen Transfer.
In der Innovationsökonomik ist vom „Valley of Death“, die Rede: Jemand hat eine Idee mit Potenzial, aber um diese in die Anwendung und zum Produkt zu bringen, fehlen das Geld für die Prototypenentwicklung und effiziente Strukturen zur Vernetzung mit der Industrie. Was macht matena anders?
Jan Wedemeier: Projekte werden für unser matena-Portfolio nach verschiedenen Kriterien ausgewählt – etwa anhand ihrer wissenschaftlicher Exzellenz oder ihres Marktpotenzials. Gleichzeitig sind wir im regionalen Innovationsökosystem sehr gut vernetzt, von der Luftfahrt bis zur Stahlindustrie. So sind die Wege kürzer und wir kommen schneller mit industriellen Kooperationspartnern ins Gespräch. Dazu bieten wir unseren angestellten Wissenschaftler:innen eine fachliche Betreuung: Unsere Innovations- und Transfermanager begleiten die Teams intensiv.
Kurosch Rezwan: Eigentlich mag ich den Begriff „Valley of Death“ nicht, da er so negativ klingt. Aber genau diese Brücke möchten wir aufbauen: Wir begleiten Projekte von der wissenschaftlichen Idee über den Prototypen bis hin zum möglichen Produkt. Entscheidend ist, Forschung zu „materialisieren“ – also so greifbar zu machen, sodass auch Industriepartner oder Investor:innen sehen können, welches Potenzial darin steckt.
Welche Chancen ergeben sich durch die Förderung der Joachim Herz Stiftung?
Kurosch Rezwan: Anders als bei klassischen Förderprogrammen können wir durch die Zuwendung der Joachim Herz Stiftung schlagkräftig sein und effizient agieren, da wir als eine Firma organisiert sind. Innerhalb eines Jahres haben wir zum Beispiel sieben größere Projekte aufgenommen und sogar Patente angemeldet. Diese Geschwindigkeit ist im universitären Umfeld eher ungewöhnlich und wir waren selbst überrascht. Innerhalb von matena sprechen wir übrigens von einem Investment in das matena-Projektportfolio. Wir denken und agieren wie eine Firma.
Wie unterstützen Sie Forschende konkret auf dem Weg zur Ausgründung?
Jan Wedemeier: Wir organisieren zum Beispiel Entrepreneurship-Vorträge und Workshops. Dort berichten Gründerinnen und Gründer aus der Praxis – auch über das Scheitern, das im Innovationsprozess dazugehört. Solche Themen kommen im universitären Kontext oft zu kurz. Uns geht es auch darum, ein unternehmerisches Mindset zu fördern.
Kurosch Rezwan: Das, was wir geschaffen haben, scheint die Menschen in einen Turbo-Modus zu versetzen, weil sie schon im Labor den Weg in die Praxis mitplanen. Das ist einfach etwas anderes, als drei Jahre zu promovieren und am Ende an den Transfer zu denken – wir haben das auf den Kopf gestellt – im positiven Sinne.
“Wir ziehen Menschen an, die wirklich Lust haben, Technologien aus dem Labor auf den Markt zu bringen.”
Dr. Kurosch RezwanWelche Zielgruppe sprechen Sie dabei an?
Kurosch Rezwan: Wir ziehen Menschen an, die wirklich Lust haben, Technologien aus dem Labor auf den Markt zu bringen. Viele unserer Projektleiter:innen und Mitarbeitende sind Postdocs – also Forschende mit Erfahrung und fachlicher Reife. Manche wollen gründen, andere ihre Technologie in industrielle Anwendungen bringen. Wir schaffen die Rahmenbedingungen für beides.
Gab es Vorbilder oder Good-Practice-Beispiele für den Aufbau des matena?
Kurosch Rezwan: Transfer ist grundsätzlich eine anspruchsvolle Aufgabe. Es gibt aber internationale Beispiele, etwa an der ETH Zürich, wo Technologietransfer sehr erfolgreich organisiert ist. Entscheidend ist dort das Zusammenspiel aus wissenschaftlicher Exzellenz, Industriepartnern, Investor:innen und professionellem Transfermanagement – das haben wir uns angeschaut und für uns angepasst.
Jan Wedemeier: Gleichzeitig haben wir eigene Strukturen aufgebaut, etwa unseren Lenkungskreis und den Beirat mit externen Expertinnen und Experten. Diese Gremien geben wichtige Impulse. Wir orientieren uns dabei auch an Erfahrungen aus dem regionalen Innovationsökosystem in Bremen, das mit seinen engen Verbindungen zwischen Wissenschaft, Industrie und Anwendung viele gute Beispiele bietet. Gleichzeitig schauen wir natürlich auch nach links und rechts und lernen von anderen Transfermodellen. Das hilft uns, Projekte frühzeitig mit relevanten Partnern aus Industrie und Finanzierung zusammenzubringen.
Sehen Sie bei matena vielleicht schon Ansätze einer Blaupause für andere?
Jan Wedemeier: Besonders ist bei uns auf jeden Fall, dass wir Projekte und Strukturen parallel entwickeln. Wir kombinieren wissenschaftliche Freiheit mit unternehmerischem Handeln. Dadurch haben wir uns im regionalen Innovationssystem bereits als relevanten Player zwischen Universität, Start-ups und Industrie positioniert. Wenn sich dieses Modell bewährt, könnten einzelne Elemente – etwa die enge Verzahnung von Forschung, Transfermanagement und Industrie – durchaus auch für andere Standorte interessant sein.
Kurosch Rezwan: Ein Beispiel ist unsers sogenanntes „Phase-Gates“ Modell im Projektmanagement. Projekte müssen bestimmte Entwicklungsstufen („Gates“) erreichen – etwa bei der technologischen Validierung oder beim Geschäftsmodell – bevor sie in die nächste Phase gehen. Transfer ist bei uns keine Nebentätigkeit, sondern der Kern des Programms, das ist, so denke ich, auf jeden Fall ein best-practice-Ansatz.
Copyright Fotos: © Patrick Pollmeier, matena innovate! center